Träume spielen eine wichtige Rolle bei der Gedächtnisbildung, verknüpfen alte und neue Gedächtnisinhalte miteinander und helfen so bei der Entwicklung neuer Handlungs- und Überlebenstrategien. So lautet die schon aus dem Jahre 1986 stammende Traumtheorie des amerikanischen Neuropsychologen Jonathan Winson. Diese ist nach wie vor aktuell, denn bis in die jüngste Zeit wurden hauptsächlich durch Versuche mit Tieren immer wieder eindeutige Indizien gefunden, die diese Theorie über die Träume unterstützen.
Träume sind Erlebnisse im Schlaf und treten überwiegend während der REM- Phasen auf. Während dieser REM-Phasen ist der Schlaf nur leicht und es finden schnelle Augenbewegungen (rapid eye movements REM) statt REM-Phasen und Tiefschlafphasen wechseln während einer Nacht mehrmals einander ab.

Die Schlafphasen Quelle: http://www.schlaf.de/
Das Nervensystem und das Gehirn bestehen aus einem dichten Netzwerk einzelner, auf extrem komplexe Weise verschalteter Nervenzellen (Neurone). Eine Nervenzelle kann bis zu 10000 Kontaktstellen (Synapsen) haben.
Nervenzellen können elektrische Impulse erzeugen und weiterleiten. Sie empfangen elektrische Signale mit ihren Dendriten von anderen vorgeschalteten Neuronen und leiten sie über den Zellkörper und das sich oft auch verzweigende Axon an weitere nachgeschaltete Neuronen weiter. Die Weitergabe der Signale einer Nervenzelle an nachgeschaltete Nervenzellen erfolgt chemisch über Kontaktstellen (Synapsen) durch Signalstoffe (Neurotransmitter). Diese werden von der Nervenzelle hergestellt, in kleinen Bläschen (Vesikeln) gespeichert und bei Eintreffen eines elektrischen Impulses von den Synapsen ausgeschüttet. Über kleine Zwischenräume (synaptischer Spalt) erreichen die Neurotransmitter sehr schnell nachgeschaltete Nervenzellen und lösen dort neue elektrische Impulse (Aktionspotentiale) aus. Nach Gebrauch werden die Neurotransmitter entweder durch enzymatischen Abbau oder durch Wiederaufnahme in die Synapsen rasch inaktiviert, so dass eine erneute Signalübertragung möglich wird. Neben den Nervenzellen die elektrische Impulse auslösen, gibt es auch solche, deren Synapsen Neurotransmitter enthalten, die bei Ausschüttung die elektrische Erregbarkeit nachgeschalteter Nervenzellen hemmen (inhibitorische Neurone). Diese hemmenden Nervenzellen sind ausserordentlich wichtig, weil im Nervensystem die Aktivierung eines Prozesses in den allermeisten Fällen die Inaktivierung eines anderen (konkurrierenden) Prozesses erfordert.

Nervenzelle (Neuron) Quelle: http://home.arcor.de/ralf.sitter/kyb/neuro/neuro1.htm
Es gibt neben den chemischen auch elektrische Synapsen, wo der Strom über direkten Kontakt mit der nachgeschalteten Nervenzelle weitergeleitet wird (s.u.). Eine typische Nervenzelle ist also mit Tausenden von erregenden und hemmenden Synapsen verbunden, und immer wieder fällt eine neue “Entscheidung“ darüber, ob ein neues Aktionspotenzial ausgelöst wird oder eben nicht. Auf diesen fortwährenden “Entscheidungsprozessen” beruht die Informationsverarbeitung in Gehirn und Nervensystem. Das “Alles-oder-Nichts-Prinzip“ bei den Aktionspotenzialen erfordert eine einfache Form der Kodierung von Information, die “Frequenzkodierung”: Wenn eine Nervenzelle nur schwach erregt wird, bilden sich pro Zeiteinheit weniger Aktionspotenziale aus, als bei starker Erregung. Wenn man beispielsweise sanft berührt wird, entstehen in den entsprechenden Hautnerven weniger Aktionspotenziale als wenn man fest gekniffen wird. Auf diese Weise kommt es zu einer abgestuften Wahrnehmung. Die Nervenzellen des Gehirns erzeugen schwache elektrische Ströme, die mit dem Elektroenzephalogramm (EEG) sichtbar gemacht werden können. In Abhängigkeit vom Bewusstseinszustand treten verschiedene Schwingungsmuster auf. Im Tiefschlaf sind es die langen, niederfrequenten Deltawellen (< 4 Hz), im Wachzustand bei geschlossenen Augen herrschen die deutlich kürzeren Alphawellen (8-13 Hz) vor, und beim Öffnen der Augen bricht der Alpha-Rhythmus zusammen und wird durch ein noch schneller schwingendes Aktivitätsmuster, die hochfrequenten Betawellen (14-60 Hz) ersetzt., welche für komplexe Wahrnehmungen typisch sind. Wenn der Schlaf gestört wird, etwa durch ein ungewohntes Geräusch, verschwinden im Hirnstrombild die langsamen Delta-Wellen und der Schlaf wird kurzzeitig unterbrochen. Doch auch ohne Störung von aussen verschwinden die Deltawellen zwischenzeitlich und zwar immer während einer REM-Phase. Wie im Wachzustand bei erhöhter Aufmerksamkeit dominieren die Betawellen.
Das Gehirn arbeitet stets in elektrischen Rhythmen. Dadurch laufen alle Vorgänge im Gehirn geordnet ab. Das lässt sich am Besten anhand eines Ruderbootes veranschaulichen. Bei einem Vierer-Rennboot beispielsweise, kommt das Boot nur dann voran, wenn alle im gleichen Rhythmus rudern. Ansonsten kommen sich die einzelnen Ruderer mit ihren Rudern ins Gehege und nichts geht mehr.


Nur wenn alle Ruderer des Vierers mit Steuermann im selben Rhythmus sind kommt das Boot voran. Quelle: http://www.rish.de/bootskunde.html
Auch die Gedächtnisbildung ist mit einem bestimmten Rhythmus verbunden. Die Thetawellen (5-10 Hz) kommen im Wachzustand, aber auch in den REM-Phasen des Schlafes vor und werden im Hippocampus, der Schaltzentrale des limbischen Systems erzeugt. Das limbische System dient der Verarbeitung von Gefühlen, ist aber auch zu echten Denkleistungen fähig. Im Hippocampus fliessen Informationen verschiedener sensorischer Systeme (Sinnesorgane) zusammen, die verarbeitet und von dort zur Grosshirnrinde (Cortex) zurückgesandt werden. In der Grosshirnrinde, die besonders viele Nervenzellen enthält, befinden sich die Zentren der Sensorik (Sinnesorgane), Motorik (willkürliche Bewegungen) und der Motivation. Auch alle höheren Denkleistungen finden hier statt.

Netzwerke von Nervenzellen in der Grosshirnrinde (Neocortex): Die “Schaltkreise” sind von einer beinahe unübersehbaren Komplexität. Trotzden lässt sich der säulenförmige Aufbau der Grosshirnrinde erkennen. Die rot angefärbten Nervenzellen sind Pyramidenzellen. Quelle: http://www.coloradocollege.edu/
Der Hippocampus bewirkt die Konsolidierung des Gedächtnisses, also die Überführung von Gedächnisinhalten aus dem Kurzzeit- in das Langzeitgedächnis. Wird der Hippocampus (es gibt genau genommen zwei, einen pro Hirnhälfte) entfernt oder zerstört, können keine neuen Erinnerungen geformt werden und es tritt eine anterograde (nach vorne gerichtete) Amnesie auf. Alte Erinnerungen bleiben jedoch erhalten. Der Hippocampus ist also eine Struktur, die Erinnerungen generiert, während die eigentlichen Gedächtnisinhalte an verschiedenen anderen Stellen in der Großhirnrinde gespeichert werden Der Hippocampus lernt “online“ zum Zeitpunkt der Informationsaufnahme, aber später, wenn der Hippocampus “offline” ist, werden die gespeicherten Inhalte wieder “abgespielt“ und so in die Grosshirnrinde überführt und gefestigt. Dabei findet eine sogenannte Langzeitpotenzierung statt: Neue Erinnerungen werden durch neugebildete, relativ labile synaptische Netzwerke aus Nervenzellen (neuronale Netzwerke) repräsentiert. Die Theta-Wellen des Hippocampus festigen nun die synaptischen Verbindungen innerhalb dieser neuronalen Netzwerke und damit auch die neuen Erinnerungen. Die Theta-Wellen bewirken Veränderungen innerhalb der Synapsen, die langfristig anhalten. Es wurde darrüber hinaus inzwischen nachgewiesen, dass sich im Hippocampus -sogar des erwachsenen Gehirns – neue Synapsen zwischen bestehenden Nervenzellen bilden können (synaptische Plastizität)und dass diese Neubildung ebenfalls mit dem Erwerb neuer Gedächnisinhalte im Zusammenhang steht.

Querschnitt durch das menschliche Gehirn Quelle: http://home.arcor.de/eberhard.liss/
Der Hippocampus ist auch für die Koordinierung verschiedener Gedächtnisinhalte zuständig sowie für die räumliche Orientierung. Jonathan Winson begründet seine Traumtheorie mit Tierexperimenten, in denen festgestellt wurde, daß der Theta-Rhythmus immer nur dann auftaucht, wenn die Tiere neue Erfahrungen machen. Dieses wurde in Tierexperimenten nachgewiesen, so beispielsweise zuletzt bei Versuchen mit Ratten durch eine Arbeitsgruppe an der Universität Heidelberg unter Prof. Dr. Andreas Draguhn im Institut für Physiologie und Pathophysiologie:


Die Ratte und ihr Hippocampus. Quellen: http://www.noblepest.com/rodents.html und Wikipedia
Der Hippocampus der Ratten (aber auch der aller anderen untersuchten Säugetiere einschliesslich des Menschen!) enthält pyramidenförmige Ortszellen (“place cells“), die immer dann elektrische Aktionspotentiale erzeugen, wenn sich das Tier an jeweils einem bestimmten Ort im Raum aufhält. Die Ortszellen sind mit dem angrenzenden Schläfenlappen (Temporallappen) verschaltet. Dort befindet sich das visuelle Arbeitsgedächtnis (working memory), wo alles, was gerade wahrgenommen wurde, kurzzeitig gespeichert wird (Sekunden bis Minuten) und auch ein Vergleich mit den nachfolgenden Wahrnehmungsinhalten stattfindet. Die Eingänge aus diesem Arbeitsgedächtnis sind so mit den Ortszellen des Hippocampus verdrahtet, daß sie von einer bestimmten Konstellation von Sinneseindrücken besonders stark aktiviert werden. Wenn eine Ratte also in einer ihr unbekannten Umgebung (Terrain, “place field“) umherläuft, werden an bestimmten Orten bestimmte Nervenzellen elektrisch aktiv. Die Aktionspotentiale der Ortszellen erfolgen nicht ungeordnet, sondern stehen in enger Beziehung zu der Theta-Schwingung (Theta-Rhythmus, hier 5-10 Hz) im Hippocampus. Bei ihrem Weg durch die unbekannte Umgebung fallen die Aktionspotenziale der jeweils angesprochenen Ortszellen in immer frühere Phasen des Theta-Zyklus, bis sie schliesslich nach Verlassen des zugehörigen Feldes nicht mehr elektrisch aktiviert werden (“Phasen-Präzession”). Durch diesen „Phasen-Code“ entstehen automatisch Abfolgen (Sequenzen) von Aktionspotenzialen, die es erlauben, den Weg zu verfolgen, den die Ratte in der ihr unbekannten Umgebung zurückgelegt hat. Wenn die Ratte nach so einem “Ausflug“ schläft, wiederholt sie während der REM-Phasen exakt dieselbe Abfolge von Aktionspotenzialen in ihrem Hippocampus. Sie wiederholt also im Schlaf das elektrische Aktivitätsmuster, das im wachen Zustand während der Erkundung der unbekannten Umgebung entstanden ist.

Phasenkodierung von räumlichen Informationen: Wenn eine Ratte ein bestimmtes Areal erkundet, werden nacheinander bestimmte Zellen ihre Hippocampus aktiv (durch Farben markiert). Die Ortszellen lösen Aktionspotenziale aus, die mit dem Theta-Rhythmus (schwarze Sinuskurve) in Beziehung stehen. Sie entstehen zunächst in späten Phasen der Schwingung, rücken beim Durchlaufen des „place field“ aber in immer frühere Phasen. Die nächste Gruppe von Ortszellen beginnt wieder in der späten Phase, wenn die Ratte in deren Ortsfeld einwandert. Dadurch entsteht automatisch eine Reihenfolge der Aktionspotentiale (farbige Striche), die den Weg der Ratte kodiert. Quelle: http://www.uni-heidelberg.de/
Diese Wiederholung erfolgt wieder in Beziehung zu einer Art Theta-Rhythmus, der aber viel schneller ist (200 Hz!). Alles läuft sozusagen in komprimierter Form ab. Durch diese hochfrequenten, kurzen Wellen (“ripples“) werden anscheinend die Erinnerungen aus dem Hippocampus ausgelesen und dann in der Grosshirnrinde langfristig abgespeichert. Interessanterweise erfolgt die Übertragung der Aktionspotentiale von einer Nervenzelle auf die nächste hierbei nicht wie gewöhnlich durch Synapsen mit Neurotransmittern, sondern direkt von Zelle zu Zelle über elektrische Synapsen, was natürlich viel schneller geht. Nur so kann ein derart schneller Rhythmus überhaupt bewältigt werden. Wenn man diejenigen Nervenzellen im Stammhirn zerstört, welche normalerweise im Schlaf die Bewegungen der Gliedmaßen verhindern, führen die Versuchstiere immer dann, wenn die beschleunigten Theta-Rhythmen (“ripples“) im REM-Schlaf auftreten, Bewegungen ähnlich wie bei der im Wachzustand stattgefundenen Erkundungstour aus. Es sieht tatsächlich so aus, als ob die Tiere alles im Traum wiedererleben. Ähnliche Beobachtungen lassen sich gelegentlich auch bei den eigenen Haustieren, vor allem bei Hund und Katze machen, denn nicht immer funktioniert die Hemmung aus dem Stammhirn 100%ig. Die Träume werden dann offensichtlich ausagiert. Im Traum gehen die Tiere das im Wachzustand neu Erlebte noch einmal durch, verknüpfen es mit den bisherigen Erinnerungen und Verhaltensweisen und lernen auf diese Weise dazu. In den Träumen werden also die grundlegenden “Lebensstrategien“ durchgespielt und aufgrund neuer Erfahrungen weiterentwickelt. Für Jonathan Winson ist diese Fähigkeit zu träumen die biologische Grundlage des von Sigmund Freud (1856-1939) erforschten Unbewussten! Freud lag laut Winson also schon völlig richtig, als er die Träume den “Königsweg zum Unbewussten“ nannte.

Normalerweise sind viele Nervenzellen des Hippocampus in ungeordneter Weise aktiv. Während der “ripples” werden die meisten Nervenzellen gehemmt, so dass sich die wenigen Informationsträger (die elektrisch aktiven Ortszellen) nun deutlich von der Gesamtaktivität abheben und ihre “Erinnerungen“ in Form des Phasencodes an die Grosshirnrinde weitergeben. Quelle: http://www.uni-heidelberg.de/
Die meisten Säugetiere und Vögel haben einen REM-Schlaf. Die primitivsten Säugetiere jedoch, zu denen der in Australien lebende, noch eierlegende Ameisenigel gehört, kennen keinen REM-Schlaf und auch keine Träume. Auch der Theta-Rhythmus kommt nur im Wachzustand vor, fehlt während des Schlafs aber völlig. Der präfrontale Cortex, ein Teil der Großhirnrinde auf der Stirnseite, ist beim Ameisenigel im Vergleich zu anderen Säugetieren und sogar dem Menschen deutlich überdimensioniert, wenn man seine Grösse auf das gesamte Gehirn bezieht. Da die Fähigkeit zu Träumen fehlt, müssen beim Ameisenigel Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung gleichzeitig stattfinden und das erfordert einen sehr grossen präfrontalen Cortex. Eine Weiterentwicklung hin zu mehr Intelligenz war so nicht möglich, denn der Kopf wäre dadurch einfach zu schwer geworden.

Der Ameisenigel, ein urtümliches Säugetier legt noch Eier Quelle: Wikipedia
Erst durch die Arbeitsteilung – Erleben im Wachzustand und Verarbeitung des Erlebten im Schlaf während des Träumens – war eine Weiterentwicklung zu höherer Intelligenz möglich. Der präfrontale Cortex konnte so ohne weiteres Wachstum seine erweiterten Aufgaben bewältigen. Andere Regionen des Gehirns hatten dafür die Möglichkeit zu wachsen und sich so weiterzuentwickeln, ohne dass der Kopf dabei zu schwer wurde. Damit war der Weg frei für eine Evolution in Richtung höherer Intelligenz!
Jens Christian Heuer
Quellen: Jonathan Winson, Auf dem Boden der Träume : Die Biologie des Unbewussten Beltz & Gelberg Verlag, 1986 “Swinging in the Brain“ von Prof. Dr. Andreas Draguhn, Institut für Physiologie und Pathophysiologie, Universität Heidelberg, http://www.uni-heidelberg.de/presse/ruca/ruca04-03/s18swing.html