jenschristianheuer

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Insekten-Intelligenz im Stecknadelkopf

In Ethologie am 23.November. 2009 um 21:56

Kleines Gehirn ganz groß

Das Gehirn der Insekten ist kaum so groß wie ein Stecknadelkopf und doch verfügen sie teilweise über beachtliche geistige Fähigkeiten, die sich mit denen großer Säugetiere messen können. Diese erstaunliche Tatsache wurde durch Beobachtungen und Experimente immer wieder bestätigt. Das bekannteste Beispiel sind die Honigbienen: Sie lernen durch immer ausgedehntere Orientierungsflüge ihre jeweilige Umgebung kennen, wobei sie sich besondere Landschaftsmerkmale und ihre räumliche Lage im Verhältnis zu ihrem Bienenstock, aber auch Düfte (der Blüten) einprägen und alles zu einer dreidimensionalen Karte zusammensetzen. Honigbienen können auch zählen, geometrische Formen auseinanderhalten, Objekte nach ihren Eigenschaften kategorisieren und symmetrische von assymmetrischen Formen unterscheiden.

Honigbiene auf Lavendelblüte. Quelle: Wikipedia

Die Sprache der Bienen

Berühmt sind auch ihre kommunikativen Fähigkeiten. Mit Hilfe des Rundtanzes und des Schwänzeltanzes können sie untereinander die genaue Lage, Qualität und Ergiebigkeit von Nahrungsquellen mitteilen. Der einfachere Rundtanz kommt zum Einsatz, wenn sich die Nahrung in der näheren Umgebung (Umkreis 50-100m)unmittelbarer Nähe des Bienenstocks befindet. Dabei läuft die Kundschafterbiene auf der senkrecht stehenden Bienenwabe im Kreis umher, stupst andere Bienen an und verteilt Duftproben des Nektars. Die Dauer des Tanzes ist ein Maß für die Nektarmenge.

Bei weiter entfernten Nahrungsquellen vollführt sie den komplizierteren Schwänzeltanz. Dabei beschreibet sie mit ihrer Bewegung immer wieder eine “8″. Der Winkel zwischen der Querachse dieser “8″ und der räumlichen Senkrechten entspricht dem Winkel zwischen der Richtung zur Nahrungsquelle und der Richtung wo die Sonne steht. Die Geschwindigkeit mit der die Kundschafterbiene sich bewegt und die Heftigkeit mit der sie dabei schwänzelt, also ihr Hinterteil abwechselnd nach links und rechts bewegt, informiert die anderen Bienen über die zurückzulegende Strecke. Je langsamer die Bewegung, umso größer ist die Entfernung zur Nahrungsquelle. Bis zu einer Entfernung von 10km funktioniert der Schwänzeltanz! Wie bei dem Rundtanz verteilt die Kundschafterbiene Nektarproben unter den anderen Bienen.

Rundtanz und Schwänzeltanz. Quelle: http://www.cals.ncsu.edu/entomology/

Wird ein Bienenvolk so groß, daß der Platz im Stock nicht mehr ausreicht, so wandert ungefähr die Hälfte aus. Ein Bienenschwarm sucht einen Nistplatz und setzt Spurbienen als Kundschafter ein. Diese informieren den Schwarm mit einem Schwänzeltanz über ihre jeweiligen “Vorschläge” für einen neuen geeigneten Nistplatz. Es kann dabei zu längerwierigen “Diskussionen” kommen, in deren Verlauf die Spurbienen ihre “Vorschläge” gegenseitig inspizieren und lassen sich auch “überzeugen”, wenn die Qualität stimmt. Auf diese Weise bildet sich schließlich eine Mehrheit für einen “Vorschlag”.

Die Bienensprache ist in ihren Grundzügen angeboren, jedoch spielen auch Lernvorgänge eine wichtige Rolle. Das zeigen Versuche der BEEgroup (http://www.bienenforschung.biozentrum.uni-wuerzburg.de/die_beegroup/) an der Universität Würzburg. Den Wissenschaftlern gelang es europäische und asiatische Bienen zu einem Bienenvolk zu vereinigen, ein unerwarteter Erfolg, da sich einander fremde Bienen normalerweise gegenseitig töten, wenn man sie ohne Ausweichmöglichkeit zusammenbringt. Nach einigen Stunden klappte die Verständigung, obwohl beide Bienenarten ihren Schwänzeltanz nach einem unterschiedlichen angeborenen  Dialekt tanzen. Die asiatischen Bienen lernten es tatsächlich, die europäischen Bienen zu verstehen.

Was Insekten noch so alles können

Auch andere Insekten sind zu beachtlichen geistigen Leistungen in der Lage. Die wie die Bienen in Staaten lebenden Ameisen und Termiten legen  architektonisch beeindruckende Nester an und züchten Pilze. Viele Ameisen halten sich sogar Blattläuse als Nutztiere, um sie zu melken und gelegentlich auch zu verspeisen.

Ameise beim Melken von Blattläusen. Quelle: Wikipedia

Bestimmte südamerikanischen Ameisen (Pachycondyla villosa und Pachycondyla inversa) pflegen sogar individuelle Bekanntschaften(http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/news/279717.html). Nachgewiesen wurde diese Fähigkeit (bisher) bei den Königinnen, von denen es hier gleich mehrere pro Volk gibt und nicht nur eine wie normalerweise üblich . Zwischen diesen Königinnen wird eine klare Hierarchie “ausgehandelt”, die dann lebenslang bestehen bleibt. Das setzt natürlich ein persönliches Erkennen voraus. Andere staatenbildende Insekten erkennen, soweit bisher bekannt, hingegen lediglich, ob ihr Gegenüber zum gleichen Volk gehört oder nicht. Bei einer anderen Ameisenart (Temnothorax albipennis) wurden richtiggehende Lehrer – Schüler Beziehungen nachgewiesen (http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/news/260827.html). Erfahrene Kundschafterameisen lehren unerfahrenen Schülerinnen die Orientierung in der Umgebung des Ameisennestes. Dabei passen sie ihre Laufgeschwindigkeit  an die begrenzten Möglichkeiten ihrer jeweiligen Schülerin an, die ihrerseits sich aber ebenfalls bemüht sich an das Lauftempo der Lehrerin anzupassen. Später werden die Schülerinnen dann selbst zu Lehrerinnen. Erlerntes wird so über Generationen weitergegeben.

Wie diese Beispiele zeigen ist die Intelligenz keinesfalls an eine gewisse Gehirn(mindest)größe gebunden.

Innerhalb des Tierreiches sind die Unterschiede in der Gehirngröße gewaltig. So wiegt das Gehirn eines Wales bis zu 9kg und besteht aus über 200 Milliarden Nervenzellen (Neuronen). Beim Menschen sind es 1,25 bis 1,45 kg und rund 85 Milliarden. Das Gehirn der Honigbiene jedoch, wiegt nur 1mg und enthält nicht einmal 1 Million Neuronen. Oftmals geht aber ein großer Teil der Gehirnmasse auf das Konto besonders spezialisierter und ausdifferenzierter Sinnesorgane und hat nichts mit höheren geistigen Fähigkeiten zu tun. Das gilt z.B. für die aber trotzdem hochintelligenten Wale und Delphine mit ihrer ausgefeilten Ultraschallortung. Das größere Gehirn ermöglicht einfach eine höhere Empfindlichkeit, Auflösung und Genauigkeit in der Wahrnehmung.

Ähnliches gilt auch für besonders komplexe Bewegungsabläufe, die auch entsprechend mehr Gehirn benötigen, um die entsprechend zahlreicheren ausführenden Muskeln zu steuern. Mehr Gehirnmasse bedeutet hier nicht eine höhere Komplexität, sondern lediglich eine Multiplikation gleich oder ähnlich gebauter neuraler Schaltkreise.

Das heißt aber umgekehrt auch, daß relativ komplexe Denkvorgänge auch schon mit relativ wenigen Neuronen bewältigt werden können. Sogar so etwas wie Bewußtsein, könnte dabei selbst in den winzigen Insektengehirnen  zustande kommen, zeigen aktuelle Computersimulationen neuraler Schaltkreise mit einigen Tausend Nervenzellen.

 Jens Christian Heuer

Quellen: Queen Mary University of London, http://www.qmul.ac.uk/media/news/items/se/20931.html), Bild der Wissenschaft online (siehe Text), Wikipedia

Eltern prägen spätere Partnerwahl

In Ethologie, Psychologie am 31.März. 2009 um 00:48

Die Gesichter der Eltern beeinflussen ganz erheblich die spätere Partnerwahl ihrer Kinder. Der Partner einer Frau ähnelt oft ihrem Vater, die Partnerin eines Mannes oft dessen Mutter. Dieses Phänomen, auf das schon Siegmund Freud hinwies und das sich in seinen Psychoanalysen immer wieder in Form des Ödipuskomplexes zeigte, wurde von dem ungarischen Psychologen Tamás Bereczkei und Kollegen in einer wissenschaftlichen Untersuchung eindrucksvoll untermauert.

Zu ihren Ergebnissen kamen sie durch den Vergleich der Fotografien von 52 jungen Paaren mit denen ihrer jeweiligen Eltern. Als Kontrolgruppe diente eine Gruppe von 318 Männern und Frauen in etwa demselben Alter wie die Eltern.

Jedes Gesicht wurde genau vermessen, wobei es um 14 verschiedene Proportionen ging, so zum Beispiel die Länge und Breite des Gesichts, der Augenabstand, die Länge der Nase oder die Breite des Kinns.

gesichtsproportionen

Die für die Untersuchung herangezogenen Gesichtsproportionen: a=Gesichtslänge, b=Gesichtsbreite, c=Nasenlänge, d=Nasenbreite, e=Augenabstand (zwischen den Pupillen gemessen), f=Augehöhe, g=Augenbreite, h=Abstand der inneren Augenwinkel, i=Abstand Nase-Kinn, j=Abstand Mund-Augenbrauen, k=Lippenfülle, l=Lippenbreite, m=Kinnlänge, n=Kinnbreite Quelle: http://www.bereczkei.hu/RSPB_2008.pdf

Die Untersuchung ergab eine deutliche Ähnlichkeit zwischen den Gesichtszügen des Vaters und des Partners der jungen Frauen. Diese Ähnlichkeit war besonders auffällig im mittleren Teil des Gesichts, bei Augenabstand sowie Länge und Breite der Nase. Die Gesichter von Mutter und Partnerin der jungen Männer ähnelten sich vor allem im unteren Teil des Gesichts, bei Mundpartie und Breite des Kinns. Ähnlichkeiten Mutter und Partner bzw. Vater und Partnerin wurden nicht festgestellt.

Die Ähnlichkeiten bei den Gesichtern wurden von unabhängigen Beobachtern anhand einer Skala von 1-10 überprüft und bestätigt.

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Im Vergleich mit einer Kontrollgruppe (hellgraue Balken) wurden deutliche Übereinstimmungen auch durch unabhängige Beobachter festgestellt: Weibliche Partner ähnelten den Müttern der Männer, männliche Partner den Vätern der Frauen (höhere dunkelgraue Balken).  Weibliche Partner und Väter der Männer, sowie männliche Partner und Mütter der Frauen ähnelten sich nicht (hellgraue und dunkelgraue Balken in etwa gleiche Höhe). Quelle: http://www.bereczkei.hu/RSPB_2008.pdf

Die naheliegende Erklärung ist, dass sich Männer und Frauen als Kinder das Gesicht des andersgeschlechtlichen Elternteils  fest einprägen. Als Erwachsene wählen sie dann unbewusst einen Partner, der ihrer Prägung entspricht.

Die Untersuchungen der ungarischen Wissenschaftler bestätigt die bei vielen Tieren schon länger bekannte sexuelle Prägung erstmals auch eindeutig beim Menschen. Schon vor vielen Jahrzehnten hatte der Verhaltensforscher Klaus Immelmann die sexuelle Prägung bei Zebrafinken untersucht. Immelmann liess Eier von Zebrafinken durch Mövchen, einer verwandten japanischen Art ausbrüten. Als die Zebrafinken herangewachsen waren, setzte Immelmann die Männchen zu acht Weibchen der eigenen Art und einem Weibchen der Mövchen. Die Zebrafinken-Männchen umwarben das fremde Weibchen, das ihrer Pflegemutter glich, wollten aber gleichzeitig von den Artgenossinnen nichts wissen.

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Von Mövchen aufgezogene männliche Zebrafinken ziehen als erwachsene Tiere ein Mövchenweibchen einer arteigenen Partnerin vor. Quelle: http://www.uni-bielefeld.de/biologie/vhf/ (verändert)

In einem weiteren Versuch leiss der Wissenschaftler die Zebrafinken-Männchen 3 Jahre lang allein mit den Zebrafinken-Weibchen zusammenkommen. In dieser Zeit zogen die Paare sechsmal Junge auf. Und trotzdem, auch jetzt noch kümmerten sich die Männchen nur um ihre arteigenen Weibchen, wenn sie ihnen begegneten. Die sexuelle Prägung in den ersten Lebenstagen während einer sensiblen Phase der Gehirnentwicklung war offenbar unauslöschlich.

Quelle: http://www.bereczkei.hu/RSPB_2008.pdf

Jens Christian Heuer

Verwandter Artikel: Freud, die Psychoanalyse und der Ödipuskomplex

Auslösemechanismus, Prägung und Appetenzverhalten

In Ethologie am 12.Februar. 2007 um 21:45

Ein Auslösemechanismus ist ein mit ein oder mehreren Sinnesorganen verbundener neuraler Schaltkreis mit Filter- und Erkennungsfunktion, der nur auf ganz bestimmte Aussenreize anspricht und bei Vorliegen einer ausreichenden Motivation eine genau definierte, angeborene Verhaltensreaktion auslöst. Der Auslösemechanismus selbst ist in den meisten Fällen ebenfalls genetisch vorprogrammiert (Angeborener Auslösemechanismus AAM), kann aber durch Erfahrungen (Prägung, s.u.) ergänzt (EAAM), oder auch insgesamt erlernt werden (Erworbener Auslösemechanismus EAM). Auch die ausgelöste Verhaltensreaktion kann  durch Lernen modifiziert werden.

Prägung ist ein Lernvorgang, der sich durch einige Besonderheiten vom normalen Lernen unterscheidet:
1. Gelernt wird nur in bestimmten Lebensabschnitten, meist in der Kindheit,während der sogenannten sensiblen Phase.
2. Bei normalem Lernen ist das zuletzt Gelernte stärker in Erinnerung als das zuerst Gelernte,bei der Prägung ist es genau umgekehrt. Das Prägungslernen lässt sich zudem schwer oder gar nicht rückgängig machen.
3. Das Prägungslernen findet schon statt, lange bevor die betreffenden Verhaltensweisen,bei denen dieser Lernvorgang benötigt wird, voll ausgereift sind. Dies gilt beispielsweise für die sexuelle Prägung, bei der das Erscheinungsbild der späteren potentiellen Sexualpartner (sexuelles Objekt) schon zu einem Zeitpunkt erlernt wird, wo eine sexuelle Aktivität im eigentlichen Sinne noch gar nicht möglich ist.

Die sexuelle Objektprägung erfolgt meistens auf den gegengeschlechtlichen Elternteil und könnte die biologische Grundlage für den von der Psychoanalyse entdeckten Ödipuskomplex sein.

Das Appetenzverhaltens dient dem aktiven Aufsuchen von angeborenen oder erlernten Auslösemechanismen und setzt eine ausreichende Handlungsbereitschaft (Trieb) voraus. Je länger ein bestimmter Auslösemechanismus nicht mehr ausgelöst wurde, umso stärker der Trieb und umso ausgeprägter auch das Appetenzverhalten.

Jens Christian Heuer

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