jenschristianheuer

Verdrängung und Gehirnforschung

In Moderne Psychoanalyse, Neurophysiologie, Psychologie on 17.April. 2009 at 23:37

Der innerpsychische Vorgang der Verdrängung ist die entscheidende Voraussetzung des Unbewussten und damit auch der Psychoanalyse, die der Wiener Nervenarzt Sigmund Freud (* 6. Mai 1856 in Freiberg (Mähren); † 23. September 1939 in London)begründete. Neue Forschungen beweisen nun eindeutig, dass die Verdrängung tatsächlich existiert.

Seit es die Psychoanalyse gibt, werden von ihren Gegnern ihre zentralen Konzepte in Frage gestellt. Das gilt auch für die Verdrängung, deren Existenz trotz aller Belege aus den freien Assoziationen analysierter Personen, immer wieder abgestritten wird. Da es ohne Verdrängung auch kein Unbewusstes im psychoanalytischen Sinne gibt, steht und fällt der Wahrheitsgehalt der Psychoanalyse mit dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer innerpsychischen Verdrängung.

Der amerikanische Psychologe Michael C. Anderson und seine Mitarbeiter an der University of Oregon konnten den Vorgang der Verdrängung mit einer ausgeklügelten Versuchsanordnung nun erstmals experimentell direkt nachweisen und darüber hinaus auch noch die Hirnstrukturen identifizieren, welche daran beteiligt sind.

Die Versuchspersonen lernten in einer Trainingsphase zunächst  Wortpaare auswendig, die in keinerlei Zusammenhang zueinander standen, wie zum Beispiel „Roach“ (Kakerlake)  und „Ordeal“ (Prüfung). Anschliessend wurde in einer weiteren Versuchsrunde (Think – No Think Phase)  jeweils immer nur eines der beiden erlernten Worte einige Sekunden lang dargeboten. Bei dem ersten Drittel der Wortpaare wurden die Versuchspersonen aufgefordert, intensiv an das andere dazugehörige Wort zu denken (Respond). Bei dem zweiten Drittel sollten die Versuchspersonen gerade nicht an das dazugehörige Wort denken (Suppression). Das letzte Drittel diente als Kontrolle. Es wurde gar kein Wort gezeigt und auch keine Aufgabe gestellt (Baseline). Während der Think – No Think Phase wurden ausserdem auch noch die Hirnaktivitäten der Versuchspersonen gescannt.

In der abschliessenden Testphase wurden die Versuchspersonen gebeten, sich wieder an die vollständigen Wortpaare zu erinnern (Same Probe).

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Der Versuchablauf am Beispiel der 3 Wortpaare Ordeal- Roach (Prüfung-Kakerlake), Steam-Train (Dampf-Eisenbahn), Jaw-Gum (Kiefer-Kaugummi) mit den Kategorien Insect (Insekt), Vehicle (Fahrzeug), Candy (Süssigkeit) Quelle: „Neural Systems Underlying the Suppression of Unwanted Memories“ in Science (Bd. 303, Ausgabe vom 09. 01. 2004).

Dabei zeigte sich, dass die Worte, an die sich die Versuchspersonen nicht erinnern sollten, tatsächlich schlechter oder gar nicht mehr erinnerbar waren, auch dann wenn für die richtige Antwort Geld geboten wurde. Durch mehrfache Durchführung der Think-No Think Phase konnte der Effekt verstärkt werden.

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Das Endergebnis mehrerer Versuchsdurchläufe zeigt das Verdrängung tatsächlich funktioniert. Quelle: „Neural Systems Underlying the Suppression of Unwanted Memories“ in Science (Bd. 303, Ausgabe vom 09. 01. 2004).

Dasselbe passierte auch dann, als in einer weiteren Versuchsreihe (Independent Probe) auf die betroffenen Worte hinweisende Kategorie und zusätzlich sogar noch der Anfangsbuchstabe dargeboten wurde.

Damit war bewiesen, dass die Worte aktiv verdrängt und nicht etwa nur durch alternative Wortassoziationen überlagert oder einfach verlernt worden waren.

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Die übereinstimmenden Versuchsergebnisse bei den Erinnerungstests mit trainierten Wortpaaren  und bei den Gegenproben mit passenden  Kategorien und dem ersten Buchstaben des zu erinnernden Wortes zeigen, das die vergessenen Worte tatsächlich aktiv verdrängt (3) und nicht etwa durch alternative Assoziationen überlagert (1) oder ihre Verknüpfung einfach verlernt wurde (2). Quelle: „Suppressing unwanted memories by executive control“ in Nature (Bd. 410, Ausgabe vom 15.01.2001). 

Mit Hilfe eines bildgebenden Verfahrens, das die Stoffwechselaktivitäten in den verschiedenen Hirnregionen sichtbar macht, konnten die Wissenschaftler für die Verdrängung charakteristische Veränderungen im Gehirn ausmachen. Während die Aktivitäten in bestimmten Regionen des Präfrontalen Cortex (PFC, vordere Hirnrinde) zunahmen, gingen sie im Hippocampus (HC) deutlich zurück.

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Mit Hilfe eines fMRI-Scans (fMRI=funktionelle Magnetresonanztomographie) konnte auch die Areale lokalisiert werden, die an der Verdrängung beteiligt sind: Bestimmte Regionen im präfrontalen Cortex mit Kontrollfunktionen zeigen eine gesteigerte Aktivität, während der  für das bewusste (deklarative) Gedächtnis zuständige Hippocampus eine verringerte Aktivität aufweist. Das bewusste Erinnern wird sozusagen von oben blockiert. Quelle: „Neural Systems Underlying the Suppression of Unwanted Memories“ in Science (Bd. 303, Ausgabe vom 9. 01. 2004).

Der hinter der Stirn befindliche Präfrontale Cortex (PFC) ist das oberste Zentrum der Handlungskontrolle und sorgt dafür, dass die  Handlungsweisen der jeweiligen Situation angemessen sind. Die bei der Verdrängung aktivierten Bereiche sind auch bei dem (plötzlichen ) Abbruch von Körperbewegungen tätig.  Anderson nennt dafür ein sehr anschauliches Beispiel: Eine Person bemerkt, wie eine Pflanze von einer Fensterbank zu fallen droht und setzt dazu an, diese noch aufzufangen, merkt dann aber im letzten Moment, dass es sich bei der Pflanze um einen Kaktus mit vielen Stacheln handelt und bricht dann gedankenschnell die Rettungsaktion ab.

Der Hippocampus, eine paarweise angelegte, in der Form an ein Seepferdchen erinnernde  Struktur (daher der Name) organisiert das bewusstseinsfähige (deklarative) Gedächtnis, indem er die Gedächtnisinhalte den entsprechenden Hirnrindenarealen (Assoziationsfeldern) zuweist. Der Hippocampus ist die entscheidende Hirnregion für die Bildung des Langzeitgedächtnisses, für die räumliche Orientierung und das räumliche Gedächtnis, sowie für den Abruf  gespreicherter Erinnerungen. 

Bei der Verdrängung blockieren offenbar die aktivierten Regionen des Präfrontalen Cortex „von oben“ den Hippocampus und erschweren so den Abruf von ansonsten bewusstseinsfähigen Gedächtnisinhalten. Verdrängung ist also ein aktiver Prozess und damit etwas ganz anderes als einfaches Vergessen. Genauso hatte das auch schon Sigmund Freud gesehen. 

Ein Mass für die Stärke der Verdrängung haben Anderson und seine Kollegen womöglich auch schon gefunden. Es soll in der Stärke der Aktivierung eines bestimmten Teils des Präfrontalen Cortex bestehen, die bei dem Versuch gemessen wurde, die Erinnerung an bestimmte Worte bewusst zu unterdrücken.

Quellen: Michael C. Anderson und Kollegen: „Suppressing unwanted memories by executive control“ in Nature (Bd. 410, Ausgabe vom 15.01.2001) und  Neural Systems Underlying the Suppression of Unwanted Memories“ in Science (Bd. 303, Ausgabe vom 09. 01. 2004), Wikipedia

Jens Christian Heuer

Verwandter Artikel: Freud, die Psychoanalyse und der Ödipuskomplex

Eltern prägen spätere Partnerwahl

In Ethologie, Psychologie on 31.März. 2009 at 00:48

Die Gesichter der Eltern beeinflussen ganz erheblich die spätere Partnerwahl ihrer Kinder. Der Partner einer Frau ähnelt oft ihrem Vater, die Partnerin eines Mannes oft dessen Mutter. Dieses Phänomen, auf das schon Siegmund Freud hinwies und das sich in seinen Psychoanalysen immer wieder in Form des Ödipuskomplexes zeigte, wurde von dem ungarischen Psychologen Tamás Bereczkei und Kollegen in einer wissenschaftlichen Untersuchung eindrucksvoll untermauert. 

Zu ihren Ergebnissen kamen sie durch den Vergleich der Fotografien von 52 jungen Paaren mit denen ihrer jeweiligen Eltern. Als Kontrolgruppe diente eine Gruppe von 318 Männern und Frauen in etwa demselben Alter wie die Eltern.

Jedes Gesicht wurde genau vermessen, wobei es um 14 verschiedene Proportionen ging, so zum Beispiel die Länge und Breite des Gesichts, der Augenabstand, die Länge der Nase oder die Breite des Kinns.

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Die für die Untersuchung herangezogenen Gesichtsproportionen: a=Gesichtslänge, b=Gesichtsbreite, c=Nasenlänge, d=Nasenbreite, e=Augenabstand (zwischen den Pupillen gemessen), f=Augehöhe, g=Augenbreite, h=Abstand der inneren Augenwinkel, i=Abstand Nase-Kinn, j=Abstand Mund-Augenbrauen, k=Lippenfülle, l=Lippenbreite, m=Kinnlänge, n=Kinnbreite Quelle: http://www.bereczkei.hu/RSPB_2008.pdf

Die Untersuchung ergab eine deutliche Ähnlichkeit zwischen den Gesichtszügen des Vaters und des Partners der jungen Frauen. Diese Ähnlichkeit war besonders auffällig im mittleren Teil des Gesichts, bei Augenabstand sowie Länge und Breite der Nase. Die Gesichter von Mutter und Partnerin der jungen Männer ähnelten sich vor allem im unteren Teil des Gesichts, bei Mundpartie und Breite des Kinns. Ähnlichkeiten Mutter und Partner bzw. Vater und Partnerin wurden nicht festgestellt.

Die Ähnlichkeiten bei den Gesichtern wurden von unabhängigen Beobachtern anhand einer Skala von 1-10 überprüft und bestätigt.

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Im Vergleich mit einer Kontrollgruppe (hellgraue Balken) wurden deutliche Übereinstimmungen auch durch unabhängige Beobachter festgestellt: Weibliche Partner ähnelten den Müttern der Männer, männliche Partner den Vätern der Frauen (höhere dunkelgraue Balken).  Weibliche Partner und Väter der Männer, sowie männliche Partner und Mütter der Frauen ähnelten sich nicht (hellgraue und dunkelgraue Balken in etwa gleiche Höhe). Quelle: http://www.bereczkei.hu/RSPB_2008.pdf

Die naheliegende Erklärung ist, dass sich Männer und Frauen als Kinder das Gesicht des andersgeschlechtlichen Elternteils  fest einprägen. Als Erwachsene wählen sie dann unbewusst einen Partner, der ihrer Prägung entspricht. 

Die Untersuchungen der ungarischen Wissenschaftler bestätigt die bei vielen Tieren schon länger bekannte sexuelle Prägung erstmals auch eindeutig beim Menschen. Schon vor vielen Jahrzehnten hatte der Verhaltensforscher Klaus Immelmann die sexuelle Prägung bei Zebrafinken untersucht. Immelmann liess Eier von Zebrafinken durch Mövchen, einer verwandten japanischen Art ausbrüten. Als die Zebrafinken herangewachsen waren, setzte Immelmann die Männchen zu acht Weibchen der eigenen Art und einem Weibchen der Mövchen. Die Zebrafinken-Männchen umwarben das fremde Weibchen, das ihrer Pflegemutter glich, wollten aber gleichzeitig von den Artgenossinnen nichts wissen.

 

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Von Mövchen aufgezogene männliche Zebrafinken ziehen als erwachsene Tiere ein Mövchenweibchen einer arteigenen Partnerin vor. Quelle: http://www.uni-bielefeld.de/biologie/vhf/ (verändert)

In einem weiteren Versuch leiss der Wissenschaftler die Zebrafinken-Männchen 3 Jahre lang allein mit den Zebrafinken-Weibchen zusammenkommen. In dieser Zeit zogen die Paare sechsmal Junge auf. Und trotzdem, auch jetzt noch kümmerten sich die Männchen nur um ihre arteigenen Weibchen, wenn sie ihnen begegneten. Die sexuelle Prägung in den ersten Lebenstagen während einer sensiblen Phase der Gehirnentwicklung war offenbar unauslöschlich. 

Quelle: http://www.bereczkei.hu/RSPB_2008.pdf

Jens Christian Heuer

Verwandter Artikel: Freud, die Psychoanalyse und der Ödipuskomplex

Wie Erfahrungen mit Geschwistern die Persönlichkeit formen

In Politik, Psychologie on 12.September. 2008 at 23:30

Warum neigen gar nicht so wenige Menschen zu autoritärem Denken und wünschen sich einen (beinahe) allmächtigen, bevormundenden, „starken“ Staat. Und warum wehren sich andere Menschen genau dagegen und halten stattdessen die persönliche Freiheit hoch? Warum sind manche Menschen offen gegenüber neuen Ideen und Veränderungen, und warum halten andere starr am Althergebrachten fest?

Der amerikanische Wissenschaftshistoriker Dr. Frank Sulloway untersuchte in einer über 20 Jahre währenden Forschungsarbeit tausende Biographien von Politikern, Wissenschaftlern und anderen herausragenden Personen des öffentlichen Lebens der letzten rund 500 Jahre. Dabei fand er einen deutlichen Zusammenhang zwischen Geburtsrang in der Geschwisterreihe und Persönlichkeit. Während Erstgeborene überwiegend konservativ denken, neuen Ideen tendenziell ablehnend gegenüber stehen und eher machtorientiert, gleichzeitig aber auch obrigkeitsgläubig sind, neigen die Spätergeborenen zu liberalem, offenen, oft sogar revolutionärem Denken. 


Dr. Frank Sulloway auf den Spuren Darwins (mit Galapagos-Riesenschildkröte) Quelle: http://www.sulloway.org/

Zur Erklärung dieser grossen Unterschiede, die auch und gerade innerhalb derselben Familie vorkommen, zwischen Geschwistern also, deren Erbanlagen immerhin zur Hälfte übereinstimmen und die zumindest auf den ersten Blick unter in etwa gleichen Umständen aufwachsen, zieht Sulloway das Divergenzprinzip aus der Evolutionstheorie von Charles Darwin heran. Genauso wie Lebewesen im Kampf ums Überleben um die knappen Ressourcen ihrer Umwelt konkurrieren und sich nur diejenigen mit den dafür geeigneten Erbanlagen erfolgreich fortpflanzen und damit längerfristig überleben (Selektionsprinzip), ringen auch Geschwister untereinander um die knappe Ressource Zuwendung und Fürsorge durch die Eltern. Um die direkte Konkurrenz untereinander zu verringern, suchen sich Lebewesen verschiedene ökologische Nischen, d.h. sie entwickeln unterschiedliche Lebensweisen und nutzen damit auch teilweise unterschiedliche Ressourcen.

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Charles Darwin (1809-1882) Quelle:  http://www.mpg.de/

Eines der schönsten Beispiele für dieses Divergenzprinzip (Divergenz = Auseinanderentwicklung, von lat. di = auseinander-, vergere = neigen) fand bereits Darwin auf den südamerikanischen Galapagosinseln und regte ihn zur Entwicklung seiner Evolutionstheorie an: Auf den Galapagosinseln, 1000 km vor der Küste von Ecuador leben 14 jeweils nur auf einer Insel vorkommende, sehr eng verwandte Singvogelarten, die Darwinfinken, die alle von einer gemeinsamen Ursprungsart vom Festland abstammen. Sie unterscheiden sich lediglich in ihren Schnabelformen, die sie zu unterschiedlichen Ernährungsweisen befähigen. Eine wenig spezialisierte Art fächert sich bei Besiedlung eines neuen Lebensraumes, welcher verschiedenartige Ernährungsmöglichkeiten bietet, in neue wesentlich stärker spezialisierte Arten auf, die jeweils ihre ökologischen Nischen besetzen (adaptive Radiation, lat. adaptare – anpassen; radiatus – strahlend). Wichtig für das Entstehen neuer Arten eine gewisse räumliche Trennung, damit es nicht immer wieder zu einer genetischen Durchmischung kommt.


Adaptive Radiation bei den Darwinfinken, die sich vor allem in ihren Schnabelkonstruktionen unterscheiden. Das Spektrum reicht von den langen, spitzen Schnäbeln der Insektenfresser bis zu kernbeißerähnlichen Schnäbeln, mit denen sich harte Körner und Nüsse knacken lassen. Eine besondere Gruppe der Darwinfinken sind die Spechtfinken, die als Werkzeug bei der Nahrungssuche abgebrochene Ästchen oder Kaktusstacheln verwenden, mit denen sie Larven aus Löchern in Baumstämmen holen. Quelle: http://www.britannica.com/

Dasselbe Divergenzprinzip wirkt auch bei Geschwistern und ihrem Kampf um die Aufmerksamkeit der Eltern. Dabei bedienen sich Erst- und Spätergeborene unterschiedlicher (divergenter) Strategien, suchen sich also jeweils ihre eigene familiäre Nische:
Erstgeborene zeigen eine starke Neigung, sich mit den Eltern zu identifizieren und ihnen nachzueifern. Dies wird noch verstärkt, wenn sie ihren Eltern einige (Erziehungs-)aufgaben gegenüber den jüngeren Geschwistern abnehmen. Dabei lernen die Erstgeborenen zwar einerseits Verantwortungsbewusstsein, üben aber andererseits, begünstigt durch ihren Altersvorsprung, nur allzu oft gegenüber den Spätergeborenen auch ein bevormundendes Machtgehabe ein, das sie später auch im Umgang mit anderen Menschen nie wieder loswerden.

Mit der Geburt jüngerer Geschwister verlieren die Erstgeborenen den Alleinanspruch auf elterliche Zuwendung und Liebe, was sehr schmerzhaft ist und sie reizbar werden lässt. Sie werden eifersüchtig und neigen oft auch zu plötzlichen Wut- und Gewaltausbrüchen.

Die Spätergeborenen müssen eine andere Strategie wählen als ihren Eltern einfach nur nachzueifern. Sie entwickeln Talente, die bisher in der Familie noch fehlen, um die Aufmerksamkeit und Zuwendung ihrer Eltern zu gewinnen. Dadurch entwickeln die Spätergeborenen Phantasie und Kreativität, werden so offener für neue Ideen und Erfahrungen und wagen es eher einmal ganz neue Wege zu gehen.

Wegen ihrer relativen körperlichen Schwäche gegenüber den Erstgeborenen sind Spätergeborene darauf angewiesen sich möglichst mit ihren älteren Geschwistern  irgendwie friedlich zu einigen. Spätergeborene vermeiden daher gewaltsame Auseinandersetzungen, verhandeln stattdessen lieber und setzen auf einen versöhnlichen Ausgleich und nicht wie die Erstgeborenen eher auf Machtausübung. Dabei lernen sie natürlich, sich in Andere hineinzuversetzen und entwickeln so grössere soziale Fähigkeiten. Spätergeborene werden dadurch im Umgang freundlicher und friedlicher als Erstgeborene. Andererseits entwickeln die von Geburt an benachteiligten Spätergeborenen einen hochempfindlichen Sinn für Gerechtigkeit; wodurch sie zu sozialem Denken neigen und sich gegen Ungerechtigkeiten wehren. Sie werden zu Rebellen.


Das für Psychologie und Geschichtswissenschaft bahnbrechende Buch
von Dr. Frank J. Sulloway Quelle:
www.amazon.de

Ein typisches Beispiel ist der schon Charles Darwin. Dieser, das fünfte von sechs Geschwistern, war im Alter von 22 Jahren Priesteranwärter, als sich ihm die Gelegenheit der Teilnahme einer Forschungsreise um die ganze Welt bot. Dabei gewann er, vor allem auf den Galapagosinseln, Erkenntnisse die sein bibeltreues, christliches Weltbild über den Haufen warfen. Unterstützung für seine neue Evolutionstheorie gewann Darwin, der seine Theorie eher zurückhaltend propagierte und auf die Gefühle Andersdenkender immer Rücksicht nahm, zunächst fast ausschliesslich bei Spätergeborenen. Die Erstgeborenen unter den Wissenschaftlern bekämpften diese hingegen vehement, obwohl ihnen die gleichen der christlichen Schöpfungslehre widersprechenden Befunde vorlagen wie Darwin. Erst später, als sich die darwinsche Evolutionstheorie zunehmend durchgesetzt hatte, schwenkten auch immer mehr Erstgeborene um. Dieses Muster wiederholte sich übrigens ähnlich auch bei allen anderen revolutionären Umwälzungen in der Wissenschaft.

Dasselbe gilt auch für politische Revolutionen. Auch hier spielen die aufgeschlossenen Spätergeborenen immer eine Vorreiterrolle. Geleitet von ihrem Gerechtigkeitssinn, treten sie als Reformer oder Revolutionäre für die Armen und Unterdrückten ein. Kommt ein politischer Wandel erst einmal in Gange, mischen zunehmend auch Erstgeborene mit und greifen umgehend nach der Macht. Dann dauert es leider oft nicht mehr lange bis sich die Gefängnisse (wieder) füllen und es oft auch Tote gibt. So bestimmten beispielsweise vor und in den ersten Jahren nach der französischen Revolution im Jahre 1789 liberale Spätergeborene (Gabriel Mirabeau, Pierre Vergniaud, Jacques Pierre Brissot) das Geschehen. Sie gehörten zur Partei der Girondisten, deren Anführer überwiegend aus der Gironde, einer Region im Südwesten Frankreichs stammten. Die Girondisten sassen auf den mittleren Rängen im Parlament. Daneben gab es noch die gemässigte Partei der Ebene mit einem noch höheren Anteil Spätergeborener unter ihren Mitgliedern, deren Abgeordnete im Parlament ganz unten sassen und die radikalen Montagnards, die Bergpartei, so genannt, weil deren Abgeordnete, hauptsächlich Erstgeborene (!) auf den obersten Bänken im Parlament sassen.


Die Deklaration der Menschenrechte nach der französischen Revolution im Jahre 1789 Quelle: Wikipedia

Die gemässigten Girondisten setzten die allgemeinen Menschenrechte und eine liberale Verfassung mit umfangreichen bürgerlichen Freiheitsrechten durch. Dann aber, als die innere und äussere Bedrohung durch konterrevolutionäre monarchistische Kräfte zunahm, kamen die machtbewussten Erstgeborenen (Maximilien Robespierre, Jean-Paul Marat, Antoine de Saint-Just) der Bergpartei zum Zuge und errichteten eine Schreckensherrschaft, in deren Verlauf rund 40.000 vermeintliche oder tatsächliche Gegner der Revolution mit der Guillotine hingerichtet wurden. Georges-Jacques Danton, ein führendes Mitglied der Bergpartei, aber ein Spätergeborener, versuchte den Terror einzudämmen. Er wurde schliesslich von Maximilien Robespierre entmachtet und hingerichtet. Maximiliens jüngerer (!) Bruder Augustin kritisierte ebenfalls die ausufernde Terrorherrschaft, wurde aber verschont. 

Auch im 20. Jahrhundert gelangten von Mussolini, dem Faschistenführer in Italien, über Stalin in der Sowjetunion, der den spätergeborenen Initiator der Oktoberrevolution 1917 Lenin ablöste bis hin zum chinesischen Kommunistenführer Mao, immer wieder Erstgeborene an die Spitze revolutionärer Bewegungen. Der nationalsozialistische deutsche Reichskanzler und Führer Adolf Hitler (1889-1945), scheint auf den ersten Blick eine Ausnahme zu sein, denn er war das vierte von sechs Kindern. Allerdings starben die drei älteren Brüder schon im allerfrühesten Kindesalter noch vor Hitlers Geburt! Auch der 5 Jahre jüngere Bruder wurde nur 6 Jahre alt. Nur die allerjüngste Schwester erreichte wie Hitler das Erwachsenenalter. Adolf Hitler wuchs also de facto als ein Erstgeborener auf! Drei weitere Erstgeborene, Winston Churchill (Grossbritannien), Theodore Roosevelt (USA)und Josef Stalin (Sowjetunion), führten die Alliierten Mächte im 2. Weltkrieg (1939-1945) gegen Hitler. Ein interessantes Detail am Rande: Churchill löste im zweiten Kriegsjahr den glücklosen Spätergeborenen (!) Neville Chamberlain als britischer Premierminister ab. Dieser hatte zunächst versucht, durch eine von Churchill kritisierte Verhandlungslösung in der Sudetenkrise den Krieg noch abzuwenden und war wesentlich am Zustandekommen des Münchener Abkommen beteiligt. Darin wurde Hitler weit entgegengekommen und die Abspaltung des überwiegend deutschsprachigen Sudetenlandes von der Tschechoslowakei und der Anschluss an das Deutsche Reich gebilligt. Im Gegenzug versprach Hitler, die Souveränität der übrigen Tschechoslowakei zu respektieren. Dieses Versprechen wurde von ihm aber unmittelbar danach gebrochen.

Auch nach Ausbruch des 2. Weltkrieges war Chamberlain noch bemüht Kriegsgräuel zu vermeiden. Er verbot ausdrücklich britische Luftangriffe auf deutsche Städte. Churchill vertrat dagegen schon lange vor Kriegsausbruch die Auffassung, daß Luftangriffe auf Wohngebiete ein geeignetes Mittel seien, um die gegnerische Zivilbevölkerung zu zermürben. Nachdem er Premierminister geworden war, setzte er diese Vorstellungen gegen Deutschland schon sehr bald in die Tat um und trug damit nicht unerheblich zur Eskalation der Gewalt im Laufe des 2.Welkrieges bei. Die allgemein immer weiter zunehmende Brutalisierung des Krieges erleichterte Hitler die schon länger geplante Deportation und Ermordung der Juden innerhalb und ausserhalb Deutschlands, welche ansonsten kaum in diesem Ausmass durchsetzbar gewesen wäre.

Die Unterschiede zwischen Churchill und Chamberlain spiegeln sehr gut die Unterschiede zwischen typischen Erstgeborenen- und Spätergeborenenstrategien wider.

Neben den Erfahrungen mit Geschwistern, die eine große Rolle spielen, formen aber auch andere Einflussfaktoren die Persönlichkeit eines Menschen. Bei Einzelkindern sind diese für die Entwicklung der Persönlichkeit praktisch allein ausschlaggebend. Ansonsten kommt es aber zu komplizierten Wechselwirkungen zwischen diesen Faktoren untereinander und mit den persönlichkeitsprägenden Erfahrungen mit Geschwistern.

Ein wichtiger Faktor ist beispielsweise das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern. Kommt es hier zu grösseren Konflikten, so können auch Erstgeborene offen für neue Erfahrungen und zu Rebellen werden, da eine Identifikation mit den Eltern dann nicht mehr möglich ist. Es bleibt ihnen dann nichts anderes übrig als eine Spätergeborenenstrategie zu wählen. Dasselbe passiert auch, wenn die Eltern sich häufig und heftig streiten. Die Kinder können dann sogar in die Rolle eines Vermittlers geraten.

Ein bekanntes Beispiel ist der Preussenkönigs Friedrich II.(der Große): Der war, als ältester Sohn und Kronprinz, von seinem autoritären und unbeherrschten Vater Friedrich Wilhelm I. schwer drangsaliert und einmal sogar beinahe getötet worden und wurde später zu einem liberalen, aufgeklärten Monarchen, der viele woanders Verfolgte in seinem Königreich aufnahm und darüber hinaus eine sehr weitgehende Rede- und Pressefreiheit zuliess, die selbst scharfe Kritik an der Person des Königs einschloss.

Weitere Einflussfaktoren sind das (angeborene) Temperament, das Geschlecht, Klassenzugehörigkeit, aber natürlich auch die von den Eltern direkt vermittelten Werte. So sind Erstgeborene liberaler meist offener für neue Ideen als Erstgeborene konservativer Eltern. Es können sich dabei richtige Familientraditionen entwickeln. Eltern, die als Spätergeborene gross wurden, bevorzugen meist einen liberalen Erziehungsstil, der Erstgeborene weniger konservativ macht und Spätergeborene dementsprechend noch liberaler. In der Familie von Charles Darwin waren Vater, Grossvater und Urgrossvater ebenfalls Spätergeborene, woraus sich eine aussergewöhnlich liberale Familientradition ergab. Das begünstigte wiederum die Entwicklung von Charles Darwin zu einem Revolutionär der Wissenschaft.

Zu Extremen neigende Persönlichkeiten stammen häufig aus der Unterschicht. Das gilt für Erst- und Spätergeborene mit ihren ganz verschiedenen Strategien gleichermassen. Nach der französischen Revolution erwiesen sich Erstgeborene aus der Unterschicht als besonders erbarmungslos. Sie stimmten als Abgeordnete im Parlament nach der versuchten und gescheiterten Flucht Ludwigs XVI fast geschlossen für die Hinrichtung des Königs. Von den spätergeborenen Deputierten gleicher Herkunft jedoch stimmten nur gut 40% dafür! Keine andere Gruppe im Parlament übte größere Nachsicht mit dem abgesetzten König.

Interessant ist auch das Zusammenspiel zwischen Geburtsrang und Geschlecht. Als männlich gelten Selbstvertrauen, Machtstreben, Konkurrenzverhalten, Durchsetzungsvermögen und Aggressivität, alles Eigenschaften die auch tendenziell Erstgeborene auszeichnen und als „instrumentell“ bezeichnet werden. Als weiblich gelten hingegen Zuwendung, Kooperationsbereitschaft und Flexibilität. Diese „expressiven“ Eigenschaften sind auch typisch für Spätergeborene. Wächst eine erstgeborene Schwester mit einem spätergeborenen Bruder auf, so entwickelt diese relativ stark instrumentelle Tendenzen und verhält sich damit „männlicher“ als der deutlich expressivere Bruder. Wächst ein erstgeborener Bruder mit einer spätergeborenen Schwester auf, so verhält sich dieser weniger „“nstrumentell“, als wenn es ein spätergeborener Bruder wäre. Unabhängig vom Geschlecht zeigen die Erstgeborenen aber immer deutlich mehr “instrumentelle“ Eigenschaften als die Spätergeborenen.

Die Forschungsergebnisse von Dr. Frank Sulloway über die Einfluss der Erfahrungen mit Geschwistern bei der Herausbildung der Persönlichkeit und die sich daraus ergebenden Konsequenzen haben eine immense Bedeutung für Psychologie, Geschichtswissenschaft und Politik. Es zeichnet sich die nicht nur die Möglichkeit ab, geschichtliche Abläufe besser als bisher zu verstehen, sondern es könnte vielleicht sogar gelingen (wenn auch mit einer gehörigen Portion Unsicherheit!), bei ausreichender Kenntnis der Biographie der handelnden Personen damit sinnvolle Prognosen der zukünftigen politischen Entwicklung zu wagen.

Jens Christian Heuer  

Quellen:
Der Rebell der Familie Dr. Frank Sulloway Siedler-Verlag, Berlin 1996
Homepage von Dr. Frank Sulloway
http://www.sulloway.org/ 
Von Guernica bis Vietnam. Die Leiden der Zivilbevölkerung im modernen Krieg. David Irving Heyne-Verlag, München 1982 http://www.fpp.co.uk/books/Guernica/index.html 
BBC Historic Figures http://www.bbc.co.uk/history/historic_figures/ 
Wikipedia