Das Gehirn der Insekten ist kaum so groß wie ein Stecknadelkopf und doch verfügen sie teilweise über beachtliche geistige Fähigkeiten, die sich mit denen großer Säugetiere messen können. Diese erstaunliche Tatsache wurde durch Beobachtungen und Experimente immer wieder bestätigt. Das bekannteste Beispiel sind die Honigbienen: Sie lernen durch immer ausgedehntere Orientierungsflüge ihre jeweilige Umgebung kennen, wobei sie sich besondere Landschaftsmerkmale und ihre räumliche Lage im Verhältnis zu ihrem Bienenstock, aber auch Düfte (der Blüten) einprägen und alles zu einer dreidimensionalen Karte zusammensetzen. Honigbienen können auch zählen, geometrische Formen auseinanderhalten, Objekte nach ihren Eigenschaften kategorisieren und symmetrische von assymmetrischen Formen unterscheiden.
Honigbiene auf Lavendelblüte. Quelle: Wikipedia
Berühmt sind auch ihre kommunikativen Fähigkeiten. Mit Hilfe des Rundtanzes und des Schwänzeltanzes können sie untereinander die genaue Lage, Qualität und Ergiebigkeit von Nahrungsquellen mitteilen. Der einfachere Rundtanz kommt zum Einsatz, wenn sich die Nahrung in der näheren Umgebung (Umkreis 50-100m)unmittelbarer Nähe des Bienenstocks befindet. Dabei läuft die Kundschafterbiene auf der senkrecht stehenden Bienenwabe im Kreis umher, stupst andere Bienen an und verteilt Duftproben des Nektars. Die Dauer des Tanzes ist ein Maß für die Nektarmenge.
Bei weiter entfernten Nahrungsquellen vollführt sie den komplizierteren Schwänzeltanz. Dabei beschreibet sie mit ihrer Bewegung immer wieder eine „8″. Der Winkel zwischen der Querachse dieser „8″ und der räumlichen Senkrechten entspricht dem Winkel zwischen der Richtung zur Nahrungsquelle und der Richtung wo die Sonne steht. Die Geschwindigkeit mit der die Kundschafterbiene sich bewegt und die Heftigkeit mit der sie dabei schwänzelt, also ihr Hinterteil abwechselnd nach links und rechts bewegt, informiert die anderen Bienen über die zurückzulegende Strecke. Je langsamer die Bewegung, umso größer ist die Entfernung zur Nahrungsquelle. Bis zu einer Entfernung von 10km funktioniert der Schwänzeltanz! Wie bei dem Rundtanz verteilt die Kundschafterbiene Nektarproben unter den anderen Bienen.
Rundtanz und Schwänzeltanz. Quelle: http://www.cals.ncsu.edu/entomology/
Wird ein Bienenvolk so groß, daß der Platz im Stock nicht mehr ausreicht, so wandert ungefähr die Hälfte aus. Ein Bienenschwarm sucht einen Nistplatz und setzt Spurbienen als Kundschafter ein. Diese informieren den Schwarm mit einem Schwänzeltanz über ihre jeweiligen „Vorschläge“ für einen neuen geeigneten Nistplatz. Es kann dabei zu längerwierigen „Diskussionen“ kommen, in deren Verlauf die Spurbienen ihre „Vorschläge“ gegenseitig inspizieren und lassen sich auch „überzeugen“, wenn die Qualität stimmt. Auf diese Weise bildet sich schließlich eine Mehrheit für einen „Vorschlag“.
Die Bienensprache ist in ihren Grundzügen angeboren, jedoch spielen auch Lernvorgänge eine wichtige Rolle. Das zeigen Versuche der BEEgroup (http://www.bienenforschung.biozentrum.uni-wuerzburg.de/die_beegroup/) an der Universität Würzburg. Den Wissenschaftlern gelang es europäische und asiatische Bienen zu einem Bienenvolk zu vereinigen, ein unerwarteter Erfolg, da sich einander fremde Bienen normalerweise gegenseitig töten, wenn man sie ohne Ausweichmöglichkeit zusammenbringt. Nach einigen Stunden klappte die Verständigung, obwohl beide Bienenarten ihren Schwänzeltanz nach einem unterschiedlichen angeborenen Dialekt tanzen. Die asiatischen Bienen lernten es tatsächlich, die europäischen Bienen zu verstehen.
Auch andere Insekten sind zu beachtlichen geistigen Leistungen in der Lage. Die wie die Bienen in Staaten lebenden Ameisen und Termiten legen architektonisch beeindruckende Nester an und züchten Pilze. Viele Ameisen halten sich sogar Blattläuse als Nutztiere, um sie zu melken und gelegentlich auch zu verspeisen.
Ameise beim Melken von Blattläusen. Quelle: Wikipedia
Bestimmte südamerikanischen Ameisen (Pachycondyla villosa und Pachycondyla inversa) pflegen sogar individuelle Bekanntschaften(http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/news/279717.html). Nachgewiesen wurde diese Fähigkeit (bisher) bei den Königinnen, von denen es hier gleich mehrere pro Volk gibt und nicht nur eine wie normalerweise üblich . Zwischen diesen Königinnen wird eine klare Hierarchie „ausgehandelt“, die dann lebenslang bestehen bleibt. Das setzt natürlich ein persönliches Erkennen voraus. Andere staatenbildende Insekten erkennen, soweit bisher bekannt, hingegen lediglich, ob ihr Gegenüber zum gleichen Volk gehört oder nicht. Bei einer anderen Ameisenart (Temnothorax albipennis) wurden richtiggehende Lehrer – Schüler Beziehungen nachgewiesen (http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/news/260827.html). Erfahrene Kundschafterameisen lehren unerfahrenen Schülerinnen die Orientierung in der Umgebung des Ameisennestes. Dabei passen sie ihre Laufgeschwindigkeit an die begrenzten Möglichkeiten ihrer jeweiligen Schülerin an, die ihrerseits sich aber ebenfalls bemüht sich an das Lauftempo der Lehrerin anzupassen. Später werden die Schülerinnen dann selbst zu Lehrerinnen. Erlerntes wird so über Generationen weitergegeben.
Wie diese Beispiele zeigen ist die Intelligenz keinesfalls an eine gewisse Gehirn(mindest)größe gebunden.
Innerhalb des Tierreiches sind die Unterschiede in der Gehirngröße gewaltig. So wiegt das Gehirn eines Wales bis zu 9kg und besteht aus über 200 Milliarden Nervenzellen (Neuronen). Beim Menschen sind es 1,25 bis 1,45 kg und rund 85 Milliarden. Das Gehirn der Honigbiene jedoch, wiegt nur 1mg und enthält nicht einmal 1 Million Neuronen. Oftmals geht aber ein großer Teil der Gehirnmasse auf das Konto besonders spezialisierter und ausdifferenzierter Sinnesorgane und hat nichts mit höheren geistigen Fähigkeiten zu tun. Das gilt z.B. für die aber trotzdem hochintelligenten Wale und Delphine mit ihrer ausgefeilten Ultraschallortung. Das größere Gehirn ermöglicht einfach eine höhere Empfindlichkeit, Auflösung und Genauigkeit in der Wahrnehmung.
Ähnliches gilt auch für besonders komplexe Bewegungsabläufe, die auch entsprechend mehr Gehirn benötigen, um die entsprechend zahlreicheren ausführenden Muskeln zu steuern. Mehr Gehirnmasse bedeutet hier nicht eine höhere Komplexität, sondern lediglich eine Multiplikation gleich oder ähnlich gebauter neuraler Schaltkreise.
Das heißt aber umgekehrt auch, daß relativ komplexe Denkvorgänge auch schon mit relativ wenigen Neuronen bewältigt werden können. Sogar so etwas wie Bewußtsein, könnte dabei selbst in den winzigen Insektengehirnen zustande kommen, zeigen aktuelle Computersimulationen neuraler Schaltkreise mit einigen Tausend Nervenzellen.
Jens Christian Heuer
Quellen: Queen Mary University of London, http://www.qmul.ac.uk/media/news/items/se/20931.html), Bild der Wissenschaft online (siehe Text), Wikipedia









